Wanderlust und zweite Heimat

“Wanderlust” ist eines der wenigen Wörter, die es in die englische Sprache geschafft haben. Zumindest erscheint es in Wörterbüchern und intellektuellen Kreisen. „Wanderlust“ genauso wie „Fernweh“ beschreiben den Wunsch, in die Ferne zu reisen, um neue Welten kennen zu lernen. Ein oder zwei Jahre im Ausland sind bereits eine große Herausforderung für einen jungen Menschen; die Familie und Freunde zu verlassen, kann großen Einfluss auf die Persönlichkeit und Lebenseinstellung haben. In manchen Fällen sind die Weltenbummler dankbar für die Chance, in einem fremden Land zu leben, während zuweilen der Schritt in die Ferne an der Umgewöhnung an das neue Leben scheitert. Das mag von Individuum zu Individuum variieren, aber manche Länder sind dafür bekannt, besonders offen zu sein, andere sind dies nicht.

Die Deutschen, beispielsweise, sind berüchtigt dafür, die Atmosphäre rund um Hotelpools zu ruinieren, indem sie die Liegestühle mit Handtüchern markieren wie Hunde Bäume mit ihrem Duft. Es sind ebenso die Deutschen, die hilflose spanische Inseln dazu zwingen, Deutsch als neue Nationalsprache zu akzeptieren, um ökonomisch überleben zu können. Natürlich müssen sie auch deutsches Bier servieren (oder das, was einst deutsches Bier war, bevor es von internationalen Brauerei-Riesen übernommen wurde.) In Sachen Tourismus haben die Deutschen offensichtlich Probleme, sich in die Zielländer zu integrieren. Aber fairerweise müssen wir ihnen zugute halten, dass Ferien nicht unbedingt dafür gedacht sind, eine neue kulturelle Identität anzunehmen.

Was ist aber mit den deutschen Auswanderern, die sehr erfolgreich im Ausland sind? Sie sollten sehr weltoffen, tolerant und unvoreingenommen sein! Schließlich haben sie entschieden, einen großen Teil ihres Lebens fern der Heimat zu verbringen. Weit gefehlt! Die Deutschen sind clever und hervorragend organisiert, wenn es heißt, im Ausland möglichst deutsch zu bleiben. Die ersten von ihnen öffnen Bäckereien und Restaurants, wo sie sich einmal die Woche für den Stammtisch treffen können. Natürlich gibt es dann deutsches Bier und Schnitzel! Danach öffnen sie internationale Schulen, wo ihre Kinder Englisch lernen können – und ein bisschen der Sprache, die in dem Land gesprochen wird, falls dies nicht Englisch ist. Wie kommt es, dass Deutsche die englische Sprache akzeptieren? Zuerst einmal liegt es daran, dass Englisch germanische Wurzeln hat; zweitens sprechen Deutsche nicht wirklich englisch – sie reden auf Deutsch und benutzen dabei englische Wörter. Wirklich schockierend ist, dass viele Deutsche im Ausland weiter germanisieren! Plötzlich sind sie stolz auf Dinge, die sie vorher nie interessiert haben. Das Leben im Ausland ist wie ein Spiegel für die eigene Identität und gleichzeitig ein Lupe, durch die neue Details zu Tage treten. Die größte Herausforderung ist es, diese Erfahrung richtig zu nutzen.

Ganz gleich, ob es die Deutschen sind oder nicht, etwas Zeit im Ausland zu verbringen, ist definitiv eine tolle Möglichkeit, sich von schlechten Gewohnheiten zu verabschieden und neu zu erfahren, was man in der Heimat am meisten schätzt. Vielleicht ist es Muttis Eintopf, den man als Kind nicht leiden konnte oder einfach das Geräusch von raschelnden Blättern auf dem Heimweg. Ich persönlich habe viel im Ausland gelernt und zugleich mein Heimatland besser kennen gelernt. Aber eines ist sicher: Ich werde nicht auf den besten Liegestuhl am Pool verzichten, nur um der Welt zu zeigen, wie nett die Deutschen sind. Sollen Heidi, Karl und Dirk die Welt bzw. den Ruf der Deutschen retten. Dafür werden sie doch bezahlt, oder nicht?

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